Pleiten, Pech und Pannen

1. Dezember 2012

Um 19:00 Uhr laufen wir endlich, mit Kurs Südspitze Sardinien, aus San Vito in Sizilien aus. Die Wetterlage im Zentralmittelmeer mit westlichen Starkwinden und Gewittern hat uns seit Tagen im Hafen festgehalten. Noch am Morgen haben wir aus Rom über Navtex Gewitterwarnungen für unser Seegebiet empfangen, aber als die Meldungen am Abend ausbleiben, wagen wir den Absprung und hoffen auf das Wetterfenster, das sich am Montag, in knapp 30 Stunden, wieder schließen soll. Endlich runden wir Kap San Vito und lassen Sizilien hinter uns. Bei knapp zwanzig Knoten Wind setzen wir Segel und gehen auf Backbordbug hart an den Wind. Die Maschinen laufen noch mit, schließlich drängt die Zeit. Die See- und Wachroutine geht von neuem los und auf meiner zweiten Fahrt komme ich mir fast schon routiniert vor. Als ich um 20 Uhr meine Wache antrete, lasse ich den Autopilot Autopilot sein, nehme das Ruder in die Hand und übe mich im Aussteuern der mittlerweile ansehnlichen Welle, die schräg von vorne einfällt. Bei bedecktem Himmel genieße ich so das Segeln hinein in die Dunkelheit. Aber mein Steuern birgt offensichtlich noch Verbesserungspotential. „Bisschen hart…“ meint Hans, als er seinen Kaffee zur 12 Uhr-Wache in Empfang nimmt. „Nichts für ungut, jeder muss ‘mal anfangen“ denke ich mir und haue mich in meine bewegte Koje. Wie auch auf dem ersten Schlag komme ich einigermaßen gut mit dem Seegang klar. Ich habe zwar oft ein leicht mulmiges Gefühl, so als ob die Seekrankheit irgendwann losgehen könnte, aber passieren tut nichts – bisher, zum Glück!

Keine anderthalb Stunden später reißt mich ein lautes „Daniel?“ aus meinem unruhigen Schlaf. In alter Feuerwehrmanier eile ich in Unterhose an Deck. Die komplette Navigationselektronik (Autopilot, Windmesser, Lot, Logge, Plotter, Navtex und Radar) ist ausgefallen und unter Deck riecht es verschmort. Aber auf die Schnelle lässt sich keine Ursache feststellen und so verkrieche ich mich nach einiger Zeit der Suche wieder in meine warme Koje. Im Halbschlaf registriere ich an Deck allerlei Bewegung und Annaloos hartes Stampfen weicht einem sanften Rollen – Ich bin enttäuscht, als ich vermute, dass Hans Gegenkurs eingeschlagen und den Rückweg nach San Vito angetreten hat. Aber noch bevor ich wieder eindöse, denke ich über die Folgen des Ausfalls nach: Ohne Navigationselektronik würde uns das Echolot für die anspruchsvolle Ansteuerung am Cap Carbonara in Sardinien fehlen. Was aber viel schlimmer ist, ohne Autopilot kann man während der Wache kaum das Ruder verlassen. Das Steuer lässt sich zwar festsetzten, aber bei dem vorhandenen Seegang dauert es keine dreißig Sekunden bis das Schiff vom Kurs abkommt und so hat man kaum Zeit für Segeltrimm, Manöver, geschweige denn Notdurft oder Kaffeekochen. Und genau das sollte mir auf meiner nächsten Wache zum Verhängnis werden…

Als ich um vier Uhr an Deck erscheine wird meine Vermutung bestätigt. Hans steuert Kurs San Vito und zu allem Überfluss erleuchten um uns herum Gewitter die Nacht. Also geht es auf Ostkurs wieder zurück, während der Wind immer weiter raumt. Nach etwa anderthalb Stunden fällt die Fock auf Backbordbug immer wieder ein, sodass ich mich entschließe sie überzuholen und Schmetterling zu segeln. Ich versuche das Ruder so festzusetzen, dass Annaloo wenn, dann nach Luv ausläuft. Aber als ich die Fock übergeholt habe und mich zurück ans Steuer setze, merke ich gerade noch dass etwas schief läuft und schon – Rums! – schlägt der Großbaum auf die andere Seite und über die Großschot reißt er das Bimini, das Edelstahl-Sonnenverdeck, aus der Verankerung. Bei der Gelegenheit verschafft mir das Bimini auch noch eine Beule auf der Stirn. Na, toll: Patenhalse mit Beule – der Klassiker!

Insgesamt war diese Nacht also eher eine enttäuschende Vorstellung! Um kurz nach zehn machen wir morgens nach 120 Seemeilen Rundtörn an unserem angestammten Liegeplatz in San Vito fest und müssen uns jetzt erst einmal um die Reparaturen kümmern. Einziges persönliches Highlight: Ich habe meine ersten Delfine gesehen. Zwei eher kleine Exemplare, sind für ein paar Minuten fröhlich um unsere Steven herumgesprungen. Und das ist doch wenigstens etwas…

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