Sizilien – Menorca

Jeder weiß, dass der Segler den Launen der Götter ausgesetzt ist. Sind sie schlecht, muss im Angesicht des Sturmes den Elementen getrotzt und harte Prüfung abgelegt werden – Denkste! Denn gute Seemannschaft verlangt, sich frühzeitig in den sicheren Hafen zu verkriechen, um Mannschaft und Schiff nicht zu gefährden. Zwei Wochen haben wir uns nun in guter Seemannschaft geübt – und diese Prüfung war wirklich hart. Zwei Wochen in San Vito Lo Capo, einem Touristendorf am Nordwestzipfel von Sizilien, in dem im Dezember so wirklich gar nichts los ist. Das habe ich mir wirklich anders vorgestellt! Zwei der drei von mir veranschlagten Wochen sind um und wir haben bisher gerade mal läppische zweihundert Seemeilen hinter uns gebracht. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir vor Weihnachten auf die Kanaren kommen sinkt und damit leider auch für mich die Chancen bis zum Ziel der Reise an Bord zu bleiben. Mittlerweile ist es auch hier richtig kalt geworden. Gute zehn Grad ohne Heizung sorgen neben der ganzen Warterei nicht unbedingt für Hochstimmung an Bord.

Das Warten ist vorbei

„Es geht es los!“ Wie oft habe ich das in diesen zwei Wochen nun schon gehört – Und immer kam im letzten Moment aus irgendeiner der vielfältigen Quellen eine Warnung hereingeflattert, die ein Auslaufen unverantwortbar gemacht hätte. Langsam sind mir Wetterwarnsys-teme so richtig unsympathisch geworden und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass Navtex-Empfänger ja auch mal kaputtgehen… Aber nein, dieses Mal ist es ernst. Die Meldungen bleiben aus und am Dienstagmorgen heißt es, nachdem (mal wieder) Seeklar gemacht worden ist und das was einmal das Bimini war ordentlich auf dem Trampolindeck verzurrt ist, „Leinen los“ – Jippieh! Die für uns unfreundliche Mistrallage mit vorherrschenden starken Westwinden ist zwar noch nicht aufgehoben, aber wir starten unseren Fünfhundert-Meilen-Törn nach Mallorca mit ordentlich Dünung und Wind aus West, der in Böen nochmal auf bis zu 40 Knoten auffrischt. Der Neumond tut das Übrige, um die erste Nacht, mal wieder hart am Wind, mit ruppiger Fahrt in die Dunkelheit sowohl für den Wachhabenden, als auch für die Freiwache ungemütlich zu gestalten. Die ersten Meilen müssen wir mühsam aufkreuzen, doch schon bald dreht der Wind leicht zurück, sodass wir ausreichend West machen können. Nichtsdestotrotz laufen die Maschinen meistens mit, da wir nach zwei Wochen Wartezeit nun wirklich ein Maximum an Geschwindigkeit herausholen wollen.

Seekrankheit ist dabei für mich, besonders in den ersten Tagen, permanent ein Thema, auch wenn ich es mir nicht eingestehen möchte. Es ist nicht so, dass ich kotzend über der Reling hänge, aber ich kann mich kaum und schon gar nicht unter Deck, mit etwas geistigem beschäftigen. Ich gehe meine Wachen, absolviere Manöver, zwinge mich zu essen aber darüber hinaus bin ich lethargisch und döse meist vor mich hin. „Safe energy for emergency“ sagt Hans so schön und ja, wahrscheinlich hat er Recht und genau das ist es, was mein Körper einfordert.

Frühstück auf SeeAber dieser Zustand ist spätestens dann überwunden, wenn ich nach einer ermüdenden Morgenwache meine vier Stunden Freiwache (mehr oder weniger) durchgeschlafen, ein ordentliches Frühstück im Bauch habe (auch auf See gibt es Früchtemüsli!) und mittags die Sonne endlich mal wieder knallt. Ich genieße die wenigen Stunden Tageslicht in denen ich endlich wieder Mensch sein kann. Ich bin wieder interessiert. Zum Beispiel wollte ich immer schon mal lernen wie man Fische fängt und ausnimmt, also versuche ich mich im Schleppangeln. Nachdem erste Versuche vielversprechend verlaufen, geht aber die Rolle kaputt, da wir natürlich den größten aller vorhandenen Köder verwenden mussten. Somit ist das Thema fürs Erste gegessen und es ist wahrscheinlich auch besser so. Denn als Quasi-Vegetarier hätte ich mich schwer getan, dem armen Tier sein Leben zu nehmen, wenn es doch nicht unbedingt notwendig ist.

Zumal Tiere unsere Reise begleiten: Delfine sind immer wieder treue Begleiter. Sie tauchen auf, mal vereinzelt, mal im Familienverbund, und begleiten uns spielend auf unserem Weg. Wenn ich dann zum Bug gehe um das Treiben zu beobachten, bekomme ich das Gefühl, dass wir uns gegenseitig wahrnehmen und das Spiel noch intensiver wird und die Tiere sich zeigen wollen. Auch in den dunklen Nächten gibt es was zu sehen: Im Kielwasser leuchten grüngelb fluoreszierende, ringförmig Algen, die sich immer wieder tausendfach zu einem Lichtermeer zusammentun. Mitten auf der Strecke zwischen Sardinien und den Balearen kommt uns ein Vogel zugeflogen. Nach seiner langen Reise können wir ihm gar nicht genug zu Essen und zu trinken auftischen und dann, völlig erschöpft, verkriecht sich das arme Ding immer wieder in einer windgeschützten Ecke und schlüpft letztendlich sogar frech unter Deck in die Kajüte. Aber zu unserem großen Bedauern hat das Tier am Morgen die erneut ruppige Nacht nicht überlebt. Und so kommt es am Morgen zur ersten Seebestattung auf Annaloo mit allen Ehren. Hätte dies und der Umstand, dass die letzte Seite des Logbuches vollgeschrieben war uns zu denken geben sollen?

Fünf Tage auf See

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Am nächsten Tag, dem mittlerweile vierten Tag auf See, wir stehen keine hundert Meilen vor Mallorca, frischt der am Vortag zwischenzeitlich abgeflaute Wind wieder auf. Wieder einmal steht eine hohe Dünung aus West und gerade habe ich mich nach meiner Morgenwache in die Koje verkrochen, werde ich vom Schipper wieder an Deck zitiert – Ruder gehen! Eine Sturmwarnung ist ‘reingekommen und Hans will die Wetterlage analysieren. Bei den mittlerweile sehr hohen Wellenhöhen von bis zu sechs Metern, teilweise kreuzlaufend, schafft der Autopilot es nicht mehr ordentlich steuern. Als dann ein wirklich hoher Brecher durchläuft und wir mit ordentlich Rums ins darauffolgende Wellental krachen, ist für Hans die Entscheidung getroffen: Bis hierhin und nicht weiter. „Das kann Annaloo nicht ab!“ und tatsächlich machen sich unter Deck erste Schäden an der Inneneinrichtung bemerkbar. Also drehen wir bei und wettern ab. Zunächst auf Steuerbordbug treiben wir Richtung Menorca und kommen bis auf zwanzig Meilen an die Insel ran. Jetzt nach Menorca rein? Das wäre schön, aber Segeln hart am Wind und dann die Ansteuerung bei „very rough sea“ (Menorca Radio) ist mit Annaloo nicht drin und so wenden wir und treiben wieder Richtung Südost. Über Nacht bricht für uns der fünfte Tag auf See an und für mich wird es immer ungemütlicher. Die letzte Dusche ist Tage her und frische Wäsche ist ausgegangen…

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Immer wieder kommen Brecher über und überspülen Annaloos Deck. Das Luk über meiner Koje und über meiner Toilette ist undicht und so ist es mittlerweile überall im Schiff salzig feucht. Da die Lenzpumpe meiner Toilette defekt ist (die Pumpe dient gleichzeitig als Lenzpumpe des Backbordrumpfes als auch als Pumpe des Sumpfes meiner Dusche), hocke ich zwischendurch immer wieder auf dem Boden meiner Nasszelle und lenze mit dem Schwamm das Seewasser auf. Zu allem Überfluss geht uns ausgerechnet jetzt auch noch das Trinkwasser aus, sodass wir keinerlei Waschmöglichkeit mehr haben – Keine Chance die Salzverkrustungen auf Körper und Gesicht loszuwerden. Bei verbleibenden zwei Flaschen Wasser und drei Dosen Cola mach ich mir ernsthaft Sorgen, ob rationiert werden muss. Und so harren wir beigedreht noch eine weitere, ungemütliche Nacht aus, in der wir uns immer wieder zwingen müssen Ausguck zu gehen. Denn zwar verfügt Annaloo über einen AIS-Transponder, aber noch ist keine MMSI vergeben und so können wir zwar Daten anderer Schiffe empfangen, aber senden selbst kein Signal. Weniger seemännisch ausgedrückt: Wir sehen zwar die anderen Schiffe, aber sie sehen uns nicht. Und auch wir sehen sie nur dann, wenn sie vorschriftsmäßig ausgerüstet sind, was hier bei weitem nicht alle Schiffe sind, wie ich schon feststellen musste. Es ist eine sehr ermüdende Erfahrung zwar keine Fahrt zu machen, aber trotzdem Wache gehen zu müssen und regelmäßig rundum zu schauen.

Als am Morgen dann der endlich der Wind nachlässt und die See verspricht sich zu beruhigen, wagen wir dann doch den Sprung nach Menorca. Bei weiterhin vorherrschenden Westwinden hätten wir nach Palma 120 Seemeilen aufkreuzen müssen und nach den Strapazen erscheinen die fünfzig Meilen Halbwind nach Mahón, Menorca wie ein erleichternder Katzensprung. Blöd nur, dass wir fast einen halben Tag brauchen um den Punkt zu erreichen an dem wir gestern schon waren. Am späten Abend steuern wir bei Dunkelheit den wunderschönen Naturhafen von Mahon an. Und schon Seemeilen vor der Küste erreichen uns die vielfältigen mediterranen Gerüche, die für mich, nach fünf Tagen und über fünfhundert Seemeilen auf See wie eine Verheißung erscheinen…

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