Mathilda für die nächste Saison fit machen

Ich plane, nachdem ich Ende März endlich (und hoffentlich erfolgreich!) meine Masterarbeit abgegeben haben werde, einen ersten etwas längeren Arbeitseinsatz in Gelting, um Mathilda für die neue Segelsaison auf Vordermann zu bringen.

Es gibt viel zu tun:

  • Der Motor muss raus um die Saildrive/Bootsrumpf-Dichtung zu ersetzen
  • Die Vorpiek muss „dicht“-laminiert und ordentlich gestrichen werden
  • Es müssen neue Kabel in den Mast eingezogen und die Decksdurchführungen erneuert werden
  • Am Unterwasserschiff muss ausgebessert und gestrichen werden
  • und viele, viele (größere) Kleinigkeiten…

Dafür peile ich den Zeitraum um das letzte Märzwochenende an, sodass Mathilda nach dem Wochenende ins Wasser und angesegelt werden kann!

Ich hoffe auf tatkräftige Unterstützung vor und am genannten Wochenende

24. – 30. März 2014.

Mithilfe wird mit reichlich Segelzeit vergütet und in den Hafenkneipen wird gemunkelt, dass für besondere Verdienste Ehrenauszeichnungen und Beförderungen ausgesprochen werden…

Für Unterkunft, Speis und vor allem Trank ist natürlich gesorgt!

Manöverkritik

Was ist denn interessant an diesem Blog, wenn ich nicht wirklich die ungeschminkte Wahrheit erzähle, wenn ich unangenehme Dinge auslasse, und gerade auch meine eigenen Fehler für mich behalte? Zu lesen, dass ich auf der Ostsee von A nach B geschippert bin, ist für die meisten wohl nicht wirklich spannend. Daher an dieser Stelle noch einmal eine ausführliche Manöverkritik des Törns nach Mommark:

Grundsätzliches

Ich bin bei einer Vorhersage von West 5-6, mit angesagten Schauerböen, bei nur zwei geplanten Segeltagen nach Osten los. Das war ein Fehler! Ich gebe zu, nicht wirklich mit den guten sechs Windstärken und den zwei Metern Welle gerechnet zu haben, scheinen mir die Vorhersagen doch öfter mal etwas übertrieben. Besser als aufs offene Wasser, wäre der Weg nach Westen in die Förde, oder nach Norden in den Als-Sund gewesen. Im Sund hätte man ruhige Gewässer vorgefunden und so die Nerven der Crew geschont. Vor allem, da von vier Mann einer keine und zwei nur geringe Segelerfahrung mitgebrachten. Dazu kommt, dass der Hauptgrund, warum ich nicht in den Sund wollte, der war, dass ich beim letzten Törn schon dort war. Das ist natürlich idiotisch! Und einmal mehr merke ich mir:

Lektion 1: Das Wetter macht die Route!

Am Morgen war die grobe Idee, entweder nach Marstal, eher aber, wie ja letztendlich auch geschehen, nach Mommark, oder falls wir so weit gekommen wären, nach Fynshav zu laufen, um die Nacht dort zu verbringen. Was ich mir jedoch vor dem Törn so nicht klar gemacht habe ist, dass es auf dieser Route so gut wie keine schnell erreichbaren Schutzhäfen gibt. Alle Häfen, Schleimünde, Marstal, Soby, Mommark und Horup Hav, sind im dümmsten Fall die gleichen 10 – 15 Seemeilen weit weg, während in der Förde oder im Sund alle naselang ein Hafen zu finden ist.

Schlechtes Wetter und Seekrankheit

Das alte Lied: Geht ein Bisschen Welle und der Wind frischt auf, fangen die Leute an verdächtig ruhig zu werden und sich mit ihren Blicken irgendwo festzuklammern. Muss dann auch noch jemand kotzen, mag derjenige sich vielleicht erleichtert fühlen, aber den anderen geht es dadurch nicht unbedingt besser. Und dann kommen schon Mittags die Fragen, wo denn hier der nächste Hafen sei… Zum Glück bin ich an diesem Wochenende verschont geblieben. Ich habe gehört, dass wenn man Verantwortung trägt, man weniger anfällig für Seekrankheit ist – Halleluja!

Insgesamt war mir das Wetter, dafür dass ich Mathilda noch nicht so gut kenne, zu viel. Es gab zwar keinen Moment, in dem wir nicht klargekommen wären, aber die ein oder andere Situation hätte ich mir dennoch gerne erspart (siehe nächster Absatz). Dazu kam der zwischendurch doch recht kräftige Regen, dem unser Küsten-Ölzeug auf Dauer nicht gewachsen war.

Lektion 2:

Sind mehr als fünf Windstärken angesagt, hab die Sorgleinen klar und sei dir (besonders am Wind) des bevorstehenden Ritts und der Belastung für die Crew bewusst.

Defekte und Untiefen

Bei Pols Rev gibt es eine in der Karte eingezeichnete Stelle mit Steinen mit einer Wassertiefe von 1,3 m. Mathilda hat 1,25 m Tiefgang! Der Plan war, an dieser Untiefe knapp vorbeizusegeln und vorher die Halse zu fahren um auch die Pols Rev Tonne  knapp backbord zu lassen. Dumm nur, dass während der Halse, südlich der Untiefe, beim Dichtholen die Großschot aus der Traveller-Verankerung bricht. Meine Entscheidung in dieser Situation: Motor an, in den Wind und dabei immer ein Auge aufs Echolot, Segel runter und dann raus aus der Gefahrenzone. Nachträglich hat der GPS-Track mir gezeigt, wie nah wir der Untiefe wirklich waren. Puh, das ist nochmal gut gegangen! Auf dem Rückweg wiederum, habe ich bewusst entschieden, über das Kalkgrund-Flach zu motoren. Dieses Mal habe ich daher auch sehr genau navigiert, die Mitte zwischen den beiden Flachstellen angepeilt und auch sehr gut getroffen (wie sich im Nachhinein anhand des GPS-Tracks gezeigt hat). Dennoch, als das Echolot, mehr als eine Seemeile vom Ufer entfernt, immer geringere Wassertiefen angezeigt hat, ging mir doch etwas die Muffe. Bei 2,3 m war dann aber zum Glück Schluss…

Lektion 3:

Gehe nicht knapp um die Tonnen rum, sondern halte (für alle Fälle) ausreichend Abstand!

Dass die Endlos-Rollreffleine am ersten Tag gerissen ist, ist gewissermaßen einfach dumm gelaufen. Die Leine sah noch nicht so schlecht aus, dass ich sie aussortiert hätte. Pech, dass das ausgerechnet bei 6 Windstärken und zwei Meter Welle passiert und ich dann aufs Vorschiff muss, um bei regelmäßiger Dusche das Vorsegel einzuholen, indem ich die Leine immer wieder ihrer Länge nach zurückfädele und dann erneut durch die Reffrolle ziehe. Alles safe, nur etwas nass! Etwas brenzliger war dann die Situation am nächsten Tag, als sich, bei mittlerweile in Böen wahrscheinlich schon 7 Windstärken, die zweifach gereffte Genua, beim Einholversuch mit einer langen (aber zu dicken) Behelfsleine, von selbst komplett ausrollte. So plötzlich bei einer steifen Brise den ganzen 20 m2-Lappen stehen zu haben, besonders da Mathildas Rigg ja hauptsächlich auf die Genua ausgelegt ist, war gelinde gesagt „überraschend“. In Sekundenschnelle bin ich ans Ruder gesprungen und abgefallen um den Druck aus dem Segel zu nehmen. Unter anderen Umständen (und am besten auf einer Jolle) hätte ich die darauffolgende Raumschots-Rauschefahrt genossen, während der Mathilda eine Spitzengeschwindigkeit von 6,5 kn über Grund gelaufen ist (später anhand des GPS-Tracks nachvollzogen). Aber der Fetzen musste runter und man kann sich vorstellen, dass ich bei der für die Ostsee beachtlichen, jetzt achterlichen einfallenden, Welle das Ruder nur sehr ungern abgegeben habe, um mich erneut auf dem Vorschiff unter der Dusche zu verlustieren…

Zweitagestörn nach Mommark

 

 

31. August 2013 – 6:24 h, 30 sm, 4,7 kn

Leuchtturm Kalkgrund

„West 5-6, Schauerböen, See bis 2 m“ sagen die Leute vom DWD für den Tag voraus. Als wir am Vorabend zwecks Route über den Karten brüteten, gab es für die zwei geplanten Segeltage im Prinzip drei Möglichkeiten: 1. Gegen den Wind in die Förde Richtung Flensburg, 2. nach Norden durch Sonderburg in den Als-Sund, oder 3. doch raus nach Osten und in den kleinen Belt, was bei den vorhergesagten Winden aber den Rückweg anstrengend werden lassen würde. Da am Morgen allgemeine Hochstimmung herrscht und es früh los geht, laufen wir zunächst Richtung Leuchtturm Kalkgrund und dann doch, gegen die Vernunft, nach Osten. Das heißt zunächst herrliches Segeln vor dem Wind. Bei Sonnenschein hole ich die Genua über und baume sie zum ersten Mal mit dem Spinnakerbaum aus – Und bin überrascht, wie hervorragend das funktioniert. Als wir später dann auch das Großsegel überholen wollen um die Pols Rev Tonne backbord liegen zu lassen, bricht beim Dichtholen des Großsegels die Schot aus der Travellerverankerung. Kurze Aufregung – Das Problem ist jedoch schnell wieder unter Kontrolle.

über die Schauerböen

Im kleinen Belt wird das Wetter dann langsam rauer, der Wind fällt nördlicher ein als erwartet und als die erste Schauerböe über uns hinwegfegt, wird es nass. Das zweite Reff wird ins Großsegel eingebunden, aber es ist schwer die Reffleinen, die sich im momentanen Deckslayout nicht über die Winsch legen lassen, dichtzuholen. So richtig kommen wir daher nicht an den Wind ran und als auch noch die Endlosleine der Rollreffeinrichtung beim abermaligen Verkleinern der Genua reißt, entscheiden wir uns, auch aufgrund der Seekrankheitsfälle, die letzte halbe Stunde nach Mommark gegen die mittlerweile ansehnliche 1,5 m-Ostseewelle zu motoren. Um drei Uhr nachmittags machen wir die Leinen fest und liegen die Nacht über etwas schaukelig bei leichtem Schwell, der von Norden durch die Hafeneinfahrt hereinkommt.

01.09.2013 – 7:14 h, 27 sm, 3,8 kn

Wie schon erwartet, wird die Rückfahrt am nächsten Tag etwas ruppiger. Jedoch sind wir jetzt ja schon ein eingespieltes Team, zumal heute erst einmal Manövertraining angesagt war. So kommen wir mit halbem Wind anfangs noch bei einer frischen Brise, gut nach Süden. Die Arbeit beginnt erst, als wir wieder bei Pols Rev abbiegen. Bei auffrischendem Wind und Regen werden es erneut anstrengende Stunden, auch wenn wir durch eine Änderung des Reffleinenlayouts heute deutlich besser an den Wind kommen. Aber auch heute entscheiden wir uns gegen vier Uhr, vom Regen und der Welle völlig durchnässt, den Motor anzuschmeißen und die letzte Stunde über das Kalkgrund-Flach nachhause zu motoren. Erschöpft machen wir in Wackerballig fest und genießen eine heiße Dusche und später eine Pizza bei Niko in Gelting.

Fakten:

57 sm, Durchschnittsgeschwindigkeit 4,3 kn

 

Überführungstörn in Bildern

Überführung des Hochseekatermarans Lagoon 380 “Annaloo” von Catania in Sizilien nach Palma de Mallorca im Dezember 2012

Menorca – Mallorca

Als wir die offene See am späten Abend hinter uns gelassen und die Hafeneinfahrt von Mahón (Menorca) passiert haben, wird das Wasser plötzlich ruhig und der Wind verschwindet hinter der Landabdeckung der Insel. Es ist ein herrliches Gefühl fast lautlos in den ruhig daliegenden, fjordähnlichen Naturhafen zu gleiten und die neuen Eindrücke und Gerüche aufzunehmen. So groß die Strapazen sind, die eine tagelange Reise auf See mit sich bringt, so schnell sind sie auch wieder vergessen, wenn das Schiff erst mal vertäut ist. Habe ich mich gestern noch gefragt, wozu ich mir das Ganze eigentlich antue, so sind jetzt alle Zweifel, die Kälte und die Müdigkeit wie von Geisterhand von mir abgefallen. Wir steuern das erstbeste (und teure!) Restaurant der Hafenpromenade an und genießen das Essen und auch die ein oder andere Flasche Wein, sodass wir am noch späteren Abend trinkselig wieder unserem Steg zutorkeln.

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Tauchstation

Die schöne Holz-Slup mit den klassischen Linien, die Hans jetzt mutig entert, ist ihm schon beim Festmachen ins Auge gesprungen. Natürlich stecken ehrenwerte Absichten hinter seinem Manöver. Die vorderen Festmacher der Lady sind fast durchgescheuert und sollen neu ausgebracht werden. Dumm nur, dass während ich mir gerade an der Stegklampe zu schaffen mache, ohne Vorwarnung auch schon der Tampen geflogen kommt, mir sanft übers Gesicht streichelt und dabei die Brille herunterwischt. Ungläubig schaue ich hinterher, wie sie mit einem leisen „Blopp!“ im schwarzen Hafenwasser verschwindet und auf Tiefe geht – ich komme mir vor wie in einem Comic! Nach einigem Gezeter habe ich meinen Skipper soweit, dass er sich breitschlagen lässt, morgen früh auf Tauchstation zu gehen. Doch wer steht am nächsten Morgen in Badehose mit Kater im Nebel und zittert allein bei dem Gedanken in die kalte Suppe zu hüpfen – Ich natürlich, war ja klar! Ich lege mir einen Festmacher zur Orientierung und wage einen Versuch. 20121217_102930Doch als ich am Ende der Leine angekommen bin, kann ich immer noch keinen Grund ausmachen. Bibbernd dem Wasser entstiegen, zeigt ein Blick aufs Echolot ganze 13 Meter Wassertiefen an – Mist, das ist zu viel! Und so gebe ich mich schon dem Gedanken geschlagen, meine schöne neue und teure Brille verloren zu geben, als ich am Nachbarsteg ein Grüppchen Menschen entdecke. Also schnell hin und umhören, ob jemand Tauchsachen hat und tatsächlich, man verspricht mir in einer halben Stunde vorbeizuschauen. Dass ich an einen gewerbsmäßigen Taucher geraten bin, erfahre ich, als ich ihm gerade mein bereitgelegtes Trinkgeld andrehen will und er mich fragt, ob er mir über die fünfzig Euro eine Quittung ausstellen soll. Fünfzig Euro für zwei Minuten Tauchen! „Na ja, besser als eine neue Brille zu kaufen“, denke ich mir zähneknirschend, zahle und bitte um die Quittung.

Dass wir bis heute immer noch nicht unser Zwischenziel Mallorca erreicht haben, macht uns klar, dass alle Hoffnungen bis Weihnachten in Lanzarote zu sein vergebens sind. Und so ist für mich die Entscheidung gefallen, vorher von Bord zu gehen. Die Idee mit Ryanair kostengünstig von Malaga oder Alicante zu fliegen erübrigt sich, als ich einen günstigen Direktflug von Palma de Mallorca nach Bremen buchen kann. Somit ist es klar: Der Törn von Mahón, Menorca nach Palma de Mallorca wird mein vorerst letzter mit Annaloo sein. Aber dafür soll er noch einiges bieten.

Abschied

Wir verbringen den Hafentag noch mit Einkaufen, kleineren Reparaturen, Wasser bunkern, Tanken und entscheiden uns um vier Uhr früh am nächsten Morgen auszulaufen. Und so verabschieden wir uns, genauso wie wir gekommen sind, auf leisen Sohlen in Richtung Palma de Mallorca. Der Törn beginnt traumhaft. Unter Vollzeug genieße ich den Sonnenaufgang bei Rauschefahrt von bis zu zehn Knoten bei halbem Wind. 20121218_080513Leider flaut der Wind später am Tag ab und weht nicht mehr wie angesagt aus Nord- sondern aus Südwest, sodass wir die Yanmars anschmeißen, die bis nach Palma wieder durchlaufen. Im Anflug auf Mallorca herrscht dann am späten Abend plötzlich noch einmal große Aufregung. Nachdem wir die Hafeneinfahrt passiert haben, nehmen wir Kurs auf unsere Marina. Wir können unser Ansteuerungsfeuer schon ausmachen, da wird voraus eine Mole immer größer, die dort laut Seekarte eigentlich nicht sein dürfte. Wir vertrauen unseren Augen anstatt der Karte, machen eine Kehrtwende und umschiffen das mysteriöse Hindernis, um dann in der Aufregung doch fast noch westlich an einer Ost-Gefahrentonne vorbeizufahren (Ja, welche Kennung hat eine Ostkardinale doch gleich?). Gerade mal drei Bootslängen vor uns kann ich in der Dunkelheit einen leichten Schimmer auf der Wasseroberfläche ausmachen und schlage Alarm! Diesmal umschiffen wir noch großzügiger und machen letztendlich sicher im Club de Mar, zwischen gefühlt der gesamten balearischen Flotte an Groß- und Megayachten, fest.

track

Am nächsten Tag, dem 19.12.2012, sitze ich im Flieger nach Bremen, zurück in die Heimat. Ich habe Zeit die letzten drei Wochen noch einmal Revue passieren zu lassen. Gute tausend Seemeilen haben wir von Catania in Sizilien bis Palma de Mallorca hinter uns gebracht und so ins kalte Wasser geworfen, habe ich eine Menge gelernt. Dankbar bin ich natürlich Jens, der den großartigen Einfall hatte, ausgerechnet mich, eine flüchtige Bekanntschaft, anzurufen, aber mein Dank gilt vor allem Hans, meinem Skipper, der mir so viel zugetraut und mir eindrucksvoll gezeigt hat wie seemännische Entscheidungen getroffen werden. Ich hoffe, dies wird nicht mein letzter Törn auf Annaloo gewesen sein.

Sizilien – Menorca

Jeder weiß, dass der Segler den Launen der Götter ausgesetzt ist. Sind sie schlecht, muss im Angesicht des Sturmes den Elementen getrotzt und harte Prüfung abgelegt werden – Denkste! Denn gute Seemannschaft verlangt, sich frühzeitig in den sicheren Hafen zu verkriechen, um Mannschaft und Schiff nicht zu gefährden. Zwei Wochen haben wir uns nun in guter Seemannschaft geübt – und diese Prüfung war wirklich hart. Zwei Wochen in San Vito Lo Capo, einem Touristendorf am Nordwestzipfel von Sizilien, in dem im Dezember so wirklich gar nichts los ist. Das habe ich mir wirklich anders vorgestellt! Zwei der drei von mir veranschlagten Wochen sind um und wir haben bisher gerade mal läppische zweihundert Seemeilen hinter uns gebracht. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir vor Weihnachten auf die Kanaren kommen sinkt und damit leider auch für mich die Chancen bis zum Ziel der Reise an Bord zu bleiben. Mittlerweile ist es auch hier richtig kalt geworden. Gute zehn Grad ohne Heizung sorgen neben der ganzen Warterei nicht unbedingt für Hochstimmung an Bord.

Das Warten ist vorbei

„Es geht es los!“ Wie oft habe ich das in diesen zwei Wochen nun schon gehört – Und immer kam im letzten Moment aus irgendeiner der vielfältigen Quellen eine Warnung hereingeflattert, die ein Auslaufen unverantwortbar gemacht hätte. Langsam sind mir Wetterwarnsys-teme so richtig unsympathisch geworden und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass Navtex-Empfänger ja auch mal kaputtgehen… Aber nein, dieses Mal ist es ernst. Die Meldungen bleiben aus und am Dienstagmorgen heißt es, nachdem (mal wieder) Seeklar gemacht worden ist und das was einmal das Bimini war ordentlich auf dem Trampolindeck verzurrt ist, „Leinen los“ – Jippieh! Die für uns unfreundliche Mistrallage mit vorherrschenden starken Westwinden ist zwar noch nicht aufgehoben, aber wir starten unseren Fünfhundert-Meilen-Törn nach Mallorca mit ordentlich Dünung und Wind aus West, der in Böen nochmal auf bis zu 40 Knoten auffrischt. Der Neumond tut das Übrige, um die erste Nacht, mal wieder hart am Wind, mit ruppiger Fahrt in die Dunkelheit sowohl für den Wachhabenden, als auch für die Freiwache ungemütlich zu gestalten. Die ersten Meilen müssen wir mühsam aufkreuzen, doch schon bald dreht der Wind leicht zurück, sodass wir ausreichend West machen können. Nichtsdestotrotz laufen die Maschinen meistens mit, da wir nach zwei Wochen Wartezeit nun wirklich ein Maximum an Geschwindigkeit herausholen wollen.

Seekrankheit ist dabei für mich, besonders in den ersten Tagen, permanent ein Thema, auch wenn ich es mir nicht eingestehen möchte. Es ist nicht so, dass ich kotzend über der Reling hänge, aber ich kann mich kaum und schon gar nicht unter Deck, mit etwas geistigem beschäftigen. Ich gehe meine Wachen, absolviere Manöver, zwinge mich zu essen aber darüber hinaus bin ich lethargisch und döse meist vor mich hin. „Safe energy for emergency“ sagt Hans so schön und ja, wahrscheinlich hat er Recht und genau das ist es, was mein Körper einfordert.

Frühstück auf SeeAber dieser Zustand ist spätestens dann überwunden, wenn ich nach einer ermüdenden Morgenwache meine vier Stunden Freiwache (mehr oder weniger) durchgeschlafen, ein ordentliches Frühstück im Bauch habe (auch auf See gibt es Früchtemüsli!) und mittags die Sonne endlich mal wieder knallt. Ich genieße die wenigen Stunden Tageslicht in denen ich endlich wieder Mensch sein kann. Ich bin wieder interessiert. Zum Beispiel wollte ich immer schon mal lernen wie man Fische fängt und ausnimmt, also versuche ich mich im Schleppangeln. Nachdem erste Versuche vielversprechend verlaufen, geht aber die Rolle kaputt, da wir natürlich den größten aller vorhandenen Köder verwenden mussten. Somit ist das Thema fürs Erste gegessen und es ist wahrscheinlich auch besser so. Denn als Quasi-Vegetarier hätte ich mich schwer getan, dem armen Tier sein Leben zu nehmen, wenn es doch nicht unbedingt notwendig ist.

Zumal Tiere unsere Reise begleiten: Delfine sind immer wieder treue Begleiter. Sie tauchen auf, mal vereinzelt, mal im Familienverbund, und begleiten uns spielend auf unserem Weg. Wenn ich dann zum Bug gehe um das Treiben zu beobachten, bekomme ich das Gefühl, dass wir uns gegenseitig wahrnehmen und das Spiel noch intensiver wird und die Tiere sich zeigen wollen. Auch in den dunklen Nächten gibt es was zu sehen: Im Kielwasser leuchten grüngelb fluoreszierende, ringförmig Algen, die sich immer wieder tausendfach zu einem Lichtermeer zusammentun. Mitten auf der Strecke zwischen Sardinien und den Balearen kommt uns ein Vogel zugeflogen. Nach seiner langen Reise können wir ihm gar nicht genug zu Essen und zu trinken auftischen und dann, völlig erschöpft, verkriecht sich das arme Ding immer wieder in einer windgeschützten Ecke und schlüpft letztendlich sogar frech unter Deck in die Kajüte. Aber zu unserem großen Bedauern hat das Tier am Morgen die erneut ruppige Nacht nicht überlebt. Und so kommt es am Morgen zur ersten Seebestattung auf Annaloo mit allen Ehren. Hätte dies und der Umstand, dass die letzte Seite des Logbuches vollgeschrieben war uns zu denken geben sollen?

Fünf Tage auf See

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Am nächsten Tag, dem mittlerweile vierten Tag auf See, wir stehen keine hundert Meilen vor Mallorca, frischt der am Vortag zwischenzeitlich abgeflaute Wind wieder auf. Wieder einmal steht eine hohe Dünung aus West und gerade habe ich mich nach meiner Morgenwache in die Koje verkrochen, werde ich vom Schipper wieder an Deck zitiert – Ruder gehen! Eine Sturmwarnung ist ‘reingekommen und Hans will die Wetterlage analysieren. Bei den mittlerweile sehr hohen Wellenhöhen von bis zu sechs Metern, teilweise kreuzlaufend, schafft der Autopilot es nicht mehr ordentlich steuern. Als dann ein wirklich hoher Brecher durchläuft und wir mit ordentlich Rums ins darauffolgende Wellental krachen, ist für Hans die Entscheidung getroffen: Bis hierhin und nicht weiter. „Das kann Annaloo nicht ab!“ und tatsächlich machen sich unter Deck erste Schäden an der Inneneinrichtung bemerkbar. Also drehen wir bei und wettern ab. Zunächst auf Steuerbordbug treiben wir Richtung Menorca und kommen bis auf zwanzig Meilen an die Insel ran. Jetzt nach Menorca rein? Das wäre schön, aber Segeln hart am Wind und dann die Ansteuerung bei „very rough sea“ (Menorca Radio) ist mit Annaloo nicht drin und so wenden wir und treiben wieder Richtung Südost. Über Nacht bricht für uns der fünfte Tag auf See an und für mich wird es immer ungemütlicher. Die letzte Dusche ist Tage her und frische Wäsche ist ausgegangen…

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Immer wieder kommen Brecher über und überspülen Annaloos Deck. Das Luk über meiner Koje und über meiner Toilette ist undicht und so ist es mittlerweile überall im Schiff salzig feucht. Da die Lenzpumpe meiner Toilette defekt ist (die Pumpe dient gleichzeitig als Lenzpumpe des Backbordrumpfes als auch als Pumpe des Sumpfes meiner Dusche), hocke ich zwischendurch immer wieder auf dem Boden meiner Nasszelle und lenze mit dem Schwamm das Seewasser auf. Zu allem Überfluss geht uns ausgerechnet jetzt auch noch das Trinkwasser aus, sodass wir keinerlei Waschmöglichkeit mehr haben – Keine Chance die Salzverkrustungen auf Körper und Gesicht loszuwerden. Bei verbleibenden zwei Flaschen Wasser und drei Dosen Cola mach ich mir ernsthaft Sorgen, ob rationiert werden muss. Und so harren wir beigedreht noch eine weitere, ungemütliche Nacht aus, in der wir uns immer wieder zwingen müssen Ausguck zu gehen. Denn zwar verfügt Annaloo über einen AIS-Transponder, aber noch ist keine MMSI vergeben und so können wir zwar Daten anderer Schiffe empfangen, aber senden selbst kein Signal. Weniger seemännisch ausgedrückt: Wir sehen zwar die anderen Schiffe, aber sie sehen uns nicht. Und auch wir sehen sie nur dann, wenn sie vorschriftsmäßig ausgerüstet sind, was hier bei weitem nicht alle Schiffe sind, wie ich schon feststellen musste. Es ist eine sehr ermüdende Erfahrung zwar keine Fahrt zu machen, aber trotzdem Wache gehen zu müssen und regelmäßig rundum zu schauen.

Als am Morgen dann der endlich der Wind nachlässt und die See verspricht sich zu beruhigen, wagen wir dann doch den Sprung nach Menorca. Bei weiterhin vorherrschenden Westwinden hätten wir nach Palma 120 Seemeilen aufkreuzen müssen und nach den Strapazen erscheinen die fünfzig Meilen Halbwind nach Mahón, Menorca wie ein erleichternder Katzensprung. Blöd nur, dass wir fast einen halben Tag brauchen um den Punkt zu erreichen an dem wir gestern schon waren. Am späten Abend steuern wir bei Dunkelheit den wunderschönen Naturhafen von Mahon an. Und schon Seemeilen vor der Küste erreichen uns die vielfältigen mediterranen Gerüche, die für mich, nach fünf Tagen und über fünfhundert Seemeilen auf See wie eine Verheißung erscheinen…

Pleiten, Pech und Pannen

1. Dezember 2012

Um 19:00 Uhr laufen wir endlich, mit Kurs Südspitze Sardinien, aus San Vito in Sizilien aus. Die Wetterlage im Zentralmittelmeer mit westlichen Starkwinden und Gewittern hat uns seit Tagen im Hafen festgehalten. Noch am Morgen haben wir aus Rom über Navtex Gewitterwarnungen für unser Seegebiet empfangen, aber als die Meldungen am Abend ausbleiben, wagen wir den Absprung und hoffen auf das Wetterfenster, das sich am Montag, in knapp 30 Stunden, wieder schließen soll. Endlich runden wir Kap San Vito und lassen Sizilien hinter uns. Bei knapp zwanzig Knoten Wind setzen wir Segel und gehen auf Backbordbug hart an den Wind. Die Maschinen laufen noch mit, schließlich drängt die Zeit. Die See- und Wachroutine geht von neuem los und auf meiner zweiten Fahrt komme ich mir fast schon routiniert vor. Als ich um 20 Uhr meine Wache antrete, lasse ich den Autopilot Autopilot sein, nehme das Ruder in die Hand und übe mich im Aussteuern der mittlerweile ansehnlichen Welle, die schräg von vorne einfällt. Bei bedecktem Himmel genieße ich so das Segeln hinein in die Dunkelheit. Aber mein Steuern birgt offensichtlich noch Verbesserungspotential. „Bisschen hart…“ meint Hans, als er seinen Kaffee zur 12 Uhr-Wache in Empfang nimmt. „Nichts für ungut, jeder muss ‘mal anfangen“ denke ich mir und haue mich in meine bewegte Koje. Wie auch auf dem ersten Schlag komme ich einigermaßen gut mit dem Seegang klar. Ich habe zwar oft ein leicht mulmiges Gefühl, so als ob die Seekrankheit irgendwann losgehen könnte, aber passieren tut nichts – bisher, zum Glück!

Keine anderthalb Stunden später reißt mich ein lautes „Daniel?“ aus meinem unruhigen Schlaf. In alter Feuerwehrmanier eile ich in Unterhose an Deck. Die komplette Navigationselektronik (Autopilot, Windmesser, Lot, Logge, Plotter, Navtex und Radar) ist ausgefallen und unter Deck riecht es verschmort. Aber auf die Schnelle lässt sich keine Ursache feststellen und so verkrieche ich mich nach einiger Zeit der Suche wieder in meine warme Koje. Im Halbschlaf registriere ich an Deck allerlei Bewegung und Annaloos hartes Stampfen weicht einem sanften Rollen – Ich bin enttäuscht, als ich vermute, dass Hans Gegenkurs eingeschlagen und den Rückweg nach San Vito angetreten hat. Aber noch bevor ich wieder eindöse, denke ich über die Folgen des Ausfalls nach: Ohne Navigationselektronik würde uns das Echolot für die anspruchsvolle Ansteuerung am Cap Carbonara in Sardinien fehlen. Was aber viel schlimmer ist, ohne Autopilot kann man während der Wache kaum das Ruder verlassen. Das Steuer lässt sich zwar festsetzten, aber bei dem vorhandenen Seegang dauert es keine dreißig Sekunden bis das Schiff vom Kurs abkommt und so hat man kaum Zeit für Segeltrimm, Manöver, geschweige denn Notdurft oder Kaffeekochen. Und genau das sollte mir auf meiner nächsten Wache zum Verhängnis werden…

Als ich um vier Uhr an Deck erscheine wird meine Vermutung bestätigt. Hans steuert Kurs San Vito und zu allem Überfluss erleuchten um uns herum Gewitter die Nacht. Also geht es auf Ostkurs wieder zurück, während der Wind immer weiter raumt. Nach etwa anderthalb Stunden fällt die Fock auf Backbordbug immer wieder ein, sodass ich mich entschließe sie überzuholen und Schmetterling zu segeln. Ich versuche das Ruder so festzusetzen, dass Annaloo wenn, dann nach Luv ausläuft. Aber als ich die Fock übergeholt habe und mich zurück ans Steuer setze, merke ich gerade noch dass etwas schief läuft und schon – Rums! – schlägt der Großbaum auf die andere Seite und über die Großschot reißt er das Bimini, das Edelstahl-Sonnenverdeck, aus der Verankerung. Bei der Gelegenheit verschafft mir das Bimini auch noch eine Beule auf der Stirn. Na, toll: Patenhalse mit Beule – der Klassiker!

Insgesamt war diese Nacht also eher eine enttäuschende Vorstellung! Um kurz nach zehn machen wir morgens nach 120 Seemeilen Rundtörn an unserem angestammten Liegeplatz in San Vito fest und müssen uns jetzt erst einmal um die Reparaturen kümmern. Einziges persönliches Highlight: Ich habe meine ersten Delfine gesehen. Zwei eher kleine Exemplare, sind für ein paar Minuten fröhlich um unsere Steven herumgesprungen. Und das ist doch wenigstens etwas…